Das Foto zeigt Eckart Wieja, den Geschäftsführer des Jobcenters Augsburg, und seine Kollegin Gabriele Dietsche. Frau Dietsche betreut ein Projekt, das straffällige Jugendliche im SGB II-Bezug wieder in Arbeit vermittelt. Auf dem Foto sind die beiden auf dem Flur des Jobcenters Augsburg zu sehen. Sie stehen vor einem Fenster, hinter ihnen befindet sich eine Zimmerpflanze.

Eckart Wieja, Geschäftsführer des Jobcenters Augsburg, und Gabriele Dietsche, Mitarbeiterin des Projekts "SchuB"

Raus aus der Perspektivlosigkeit

Raus aus der Perspektivlosigkeit

Keine Ausbildung, keine Perspektive, nichts zu tun. Dann der erste Diebstahl und die Verurteilung – damit rückt die Aussicht auf einen Job in noch weitere Ferne. Weitere Straftaten folgen. Dieser Abwärtsspirale will das Jobcenter Augsburg entgegenwirken. In gemeinsamen Betreuungsprojekten mit der Jugendstrafhilfe versuchen sie, straffällig gewordenen jungen Menschen im SGB II-Bezug wieder eine Zukunftsperspektive aufzuzeigen. Eckart Wieja, Geschäftsführer des Jobcenters Augsburg, erzählt hier, wie das funktionieren kann.

Sie wollen verhindern, dass Ihre straffällig gewordenen jugendlichen Kunden wieder rückfällig werden. Wie machen Sie das?

Das gelingt am besten, wenn wir den Jugendlichen eine neue Perspektive bieten, z. B. durch einen Ausbildungsplatz. In Kooperation mit der Jugendstrafhilfe begleiten wir seit 2009 das Projekt SchuB – Schule und Bildung. Hier werden insgesamt 30 Jugendliche individuell betreut. Das ist ein neuer Ansatz: Zwei Fallmanager kümmern sich schwerpunktmäßig um straffällige Jugendliche und arbeiten dabei sehr eng mit der Jugendstrafhilfe zusammen. So können wir verhindern, dass der Jugendliche seine Ansprechpartner gegeneinander ausspielt, das ist sonst leider oft der Fall.

Wie läuft die Betreuung denn im Einzelnen ab?

Das erläutere ich gerne an einem Beispiel: Seit 2007 haben wir bei uns einen jungen Mann im Bezug. Nach einer abgebrochenen Lehre hat er mit anderen Jugendlichen einen Raub begangen und ist durch einen richterlichen Beschluss bei der Jugendstrafhilfe gelandet. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben sich dann mit uns in Verbindung gesetzt. Noch vor dem Gerichtsverfahren hat unser Fallmanager mit dem Jugendlichen Beratungsgespräche geführt und für ihn einen Ausbildungsplatz in einer außerbetrieblichen Einrichtung (BaE) gefunden. Deshalb hat er nur eine Bewährungsstrafe bekommen – seine Freunde sind für längere Zeit ins Gefängnis gewandert. Es läuft gut bei ihm und er ist auch nicht wieder straffällig geworden. Wir machen also eine Teamberatung, durch die wir Wege finden, dem Jugendlichen aus der Straffälligkeit herauszuhelfen.

Gibt es neben einer Ausbildung noch andere Wege?

Das ist abhängig vom Jugendlichen selbst. Wir haben verschiedene Möglichkeiten und arbeiten eng mit unseren Partnern, z. B. Beratungsstellen, zusammen. Bei einigen Jugendlichen müssen wir uns zunächst um persönliche Probleme kümmern: Das ist eben oft eine Schulden- oder Drogenberatung. Anschließend sorgen wir dafür, dass er gegebenenfalls seinen Schulabschluss nachholt. Mit weiteren vorbereitenden Maßnahmen und Qualifikationen versuchen wir, den Jugendlichen letztendlich in Ausbildung zu vermitteln. Wir verfolgen auch kreative Ansätze, die zunächst die persönliche Entwicklung des Jugendlichen fördern sollen, beispielsweise durch ein Theaterprojekt. Durch den Auftritt vor Publikum erlangen die Jugendlichen wieder neues Selbstbewusstsein.

Wer sind die Jugendlichen, die Sie betreuen?

Unsere Jugendlichen sind zwischen 18 und 21 Jahre alt. Mädchen sind genauso betroffen wie Jungen, die Straffälligkeit kann allerdings ein bisschen anders sein. Während bei den Jungen häufig Gewalt im Vordergrund steht, ist es bei den Mädchen eher Diebstahl. Ansonsten bekommen wir es auch viel mit Vandalismus, Drogenmissbrauch, Raub, rechtsextremistischer oder linksextremistischer Gewalt, Übergriffen auf dem Fußballfeld oder auf Ausländer zu tun. Die größten Probleme der Jugendlichen sind sicher Perspektivlosigkeit und der Mangel an sinnvoller Freizeitbeschäftigung. Hinzu kommt oft Frustration zu Hause, in der Schule oder im Freundeskreis. Kein Schulabschluss, kein Berufsabschluss und Suchtproblematik: Das sind so die Kernthemen, die den Jugendlichen zu einer Straftat verleiten können.

Wie sehen Ihre Erfahrungen denn aus, haben Sie Erfolg?

Etwa 75 Prozent der Projektteilnehmer sind bisher nicht erneut auffällig geworden. Gerade die berufliche Integration ist meistens auch eine soziale Integration: Sie haben dann ein Berufsumfeld und Kollegen – man spürt schon deutlich, dass hier die Erfolgschancen wesentlich besser sind als ohne den zusätzlichen Halt, den wir ihnen im Rahmen des Projektes geben können. In diesem Jahr haben wir übrigens ein ähnliches Projekt gestartet. Während im SchuB keiner der Teilnehmer im Arrest gesessen hat, haben wir 2012, wieder in Kooperation mit der Jugendstrafhilfe und diesmal auch dem Jugendstrafrichter, bereits zwei Jugendliche während eines kurzfristigen Arrests erfolgreich betreut. Ohne Ablenkung, allein in der Zelle, sind sie plötzlich offen für unsere Beratung und für eine neue Perspektive.

Zur Übersicht

Alle Jobcenter der Woche

In über 300 Jobcentern in Deutschland entstehen jede Menge Ideen, um Hartz IV-Empfänger besser integrieren zu können. Blättern Sie weiter, um mehr zu erfahren.