D wie Dinkel
Der Montag beginnt für Bettina Struwe, wenn für manch Feierwütigen das Wochenende noch gar nicht geendet hat. Um vier Uhr früh steht sie auf, um die nächtlichen Straßen der Stadt mit dem Duft von frisch gebackenen Brötchen zu füllen. Wenn sich die Herforderinnen und Herforder später um den Frühstückstisch versammeln, hat die Bäckergesellin ihren Arbeitstag schon fast hinter sich.
Es war nicht immer so, dass Bettina Struwes Arbeitstage zu nachtschlafender Zeit begannen. Nachdem sie ihren Job in einer kleinen Bäckerei verloren hatte, war sie fünf Monate lang arbeitslos. „Die Zeit war schrecklich, diese ständige Angst, keine neue Anstellung zu bekommen“, erinnert sich Bettina Struwe. Die Sorgen der Bäckergesellin gründeten aber auch darauf, dass sie als Gehörlose auf besondere Schwierigkeiten bei der Stellensuche stieß. Unterstützung erhielt sie vom Integrationsfachdienst für Hörgeschädigte des Jobcenters.
Aufgeschlossenheit bringt die Wende
In enger Zusammenarbeit mit ihrer Vermittlerin sondiert Bettina Struwe den Stellenmarkt und versendet Bewerbungen. Bei der Biobäckerei Farina stoßen ihre Unterlagen auf Interesse, sie wird zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Mit an ihrer Seite ist ein Dolmetscher, der die Gebärdensprache übersetzt. Ihr neuer Arbeitgeber ist aufgeschlossen: „Ich bin selbst auf einem Ohr taub und war neugierig auf die Zusammenarbeit“, sagt Hans-Peter Klein, Geschäftsführer der Biobäckerei. Die lebensfrohe und selbstbewusste Art der Bäckerin überzeugt ihn – nach einem zweiwöchigen Praktikum wird Bettina Struwe fest eingestellt.
Eine neue Art der Kommunikation
Anfängliche Kommunikationsschwierigkeiten sind rasch überwunden, die neue Kollegin wird schnell in das Team integriert. Der Chef eignet sich sogar einige Zeichen der Gebärdensprache an. „Für Dinkelteig zeichne ich nur ein ‚D‘ in die Luft, und Frau Struwe weiß, was ich will“, sagt Hans-Peter Klein. „Und wenn wir uns mal überhaupt nicht verstehen, dann schreiben wir uns kleine Zettel – das ist eine ganz neue, aber spannende Art der Kommunikation.“
Verlässlichkeit ist selbstverständlich
In der Backstube – der Produktion – zeichnet sich die 43-Jährige durch große Zuverlässigkeit aus. Sie hat ein goldenes Händchen für Teige und arbeitet sehr sorgfältig. Gerade das ist sehr wichtig in einer Biobäckerei, denn es werden keine Backhilfsmittel verwendet, die handwerkliche Fehler vertuschen könnten. „Ob Brötchen backen oder Brotlaibe formen, frischen Kuchen produzieren oder den heißen Ofen bedienen – Frau Struwe weiß genau, was sie zu tun hat. Ich kann mich immer hundertprozentig auf sie verlassen“, sagt Hans-Peter Klein. Verlässlichkeit ist für Bettina Struwe selbstverständlich. „Ich verdanke der Bäckerei Farina doch so viel, denn ich kann mein Leben endlich wieder richtig genießen.“
