Jeden Tag eine neue Geschichte
Jeden Tag eine neue Geschichte
Manchmal geht es nur darum, zuzuhören. Eine Stunde, zwei Stunden sitzen sie dann zusammen vor dem Haus. Jennifer Gerritz nickt der alten Dame aufmunternd zu, mehr Aufforderung bedarf es nicht – 101 Lebensjahre bieten viel Erzählstoff. Gegen Abend bringt die 27-Jährige die Erzählerin wieder zurück in ihr Zimmer im Seniorenpflegeheim Sonnenhang. Wenn sie anschließend nach Hause fährt, weiß Jennifer Gerritz, dass sie etwas Sinnvolles getan hat.
Nicht immer fühlte sich die junge Frau am Ende des Tages so ausgeglichen und zufrieden. Nachdem ihr alter Arbeitgeber Insolvenz anmelden musste, war sie vier Jahre lang arbeitslos. Ein Tag glich dem anderen. Sie stand früh auf, brachte ihren heute fünfjährigen Sohn in den Kindergarten, erledigte den Haushalt und suchte im Internet nach Stellenangeboten. „Das Schlimmste war, dass meine Freunde am Abend etwas zu erzählen hatten. Ich selbst erlebte ja nichts – und konnte deshalb auch nichts erzählen“, sagt Jennifer Gerritz.
Von Beginn an motiviert
Das Angebot der Arbeitsagentur, an einem Wiedereingliederungskurs teilzunehmen, brachte schließlich den Stein ins Rollen: Jennifer Gerritz besuchte eine weitere Schulung und erhielt den Schein zur Betreuung demenzkranker Menschen. Damit qualifizierte sie sich für ihre heutige Stelle. Seit sechs Monaten arbeitet die junge Frau aus Isert als „Zusätzliche Betreuungskraft nach Paragraph 87b“ – so die offizielle Bezeichnung ihrer Position – im Seniorenpflegehaus Sonnenhang in Mehren. Von einer Freundin erfuhr sie, dass die Einrichtung eine Krankheitsvertretung suchte. Es folgten ein Telefonat und ein persönliches Gespräch mit der Heimleiterin Michaela Giehl. Einen Tag später, am 15. Mai 2011, trat Jennifer Gerritz bereits ihre Stelle an. „Das Beste, was uns passieren konnte“, sagt ihre Chefin. „Obwohl die Kollegin wusste, dass wir ihr vorerst nur eine Vertretungsstelle geben konnten, hat sie ihre Aufgaben von Anfang an mit viel Motivation und Freude durchgeführt.“
Ein gutes Gefühl, gebraucht zu werden
Das Engagement fällt Jennifer Gerritz nicht schwer. Wenn sie morgens die Auffahrt zum Seniorenpflegeheim hochfährt, ist sie sich bewusst, gebraucht zu werden. Ob Gymnastik mit den Bewohnerinnen und Bewohnern, Bingo-Abende oder Gruppenausflüge ins Kino, in den Zoo oder zum Kegeln: Bewohnerinnen, Bewohner, Kolleginnen und Kollegen haben die zierliche blonde Frau schnell ins Herz geschlossen und Vertrauen zu ihr gefasst.
Endlich wieder unabhängig
Die Zuverlässigkeit und der Einsatz der inzwischen zweifachen Mutter wurden belohnt. „Durch den Wegfall einer Kollegin konnten wir Frau Gerritz eine feste Stelle anbieten“, sagt Michaela Giehl. Als Jennifer Gerritz die Nachricht bekam, fiel eine schwere Last von ihren Schultern. Der Spaß an der Arbeit und die finanzielle Unabhängigkeit geben ihr neuen Mut – und Erzählstoff für den Austausch mit Freunden.
